Toshiba Railway Europe GmbH
Nach der Einstellung des Lokneubaus durch Voith gab es noch eine weitere Initiative, von Kiel aus eine neue Lokproduktion aufzubauen. Einen Partner fanden die Initiatoren diesmal in dem japanischen Technologiekonzern Toshiba, der zwar in Ostasien schon seit vielen Jahren im Bau von Eisenbahnfahrzeugen tätig war, bisher aber nicht den Weg nach Europa gefunden hatte. Im Jahr 2018 wurde die Toshiba Railway Europe GmbH mit den Standorten Kiel (Hauptsitz) und Düsseldorf gegründet. Von Deutschland aus sollte der europäische Bahnmarkt bedient werden.

Als erste Lokomotive präsentierte Toshiba den Typ HDB 800. Es handelt sich um eine Hybrid-Diesel-Batterie-Rangierlokomotive mit einer Zugkraft von 300 kN und einer Nennleistung von 750 kW an der Radlauffläche, die für den Einsatz auf Rangierbahnhöfen und kurzen Hauptstreckenabschnitten mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h konzipiert wurde. Dank ihres modularen Aufbaus sollte sie eine vereinfachte Wartung ermöglichen, aber auch die Ausgangsbasis für weitere Varianten bilden. Die angestrebte hohe Energieeffizienz mit der Möglichkeit zum vorübergehenden emissionsfreien Betrieb sollte durch ein serielles Hybridsystem erreicht werden. Für den Antrieb waren zwei Dieselmotor-Generator-Aggregate und ein Batteriesystem vorgesehen, die in verschiedenen Betriebsmodi kombiniert werden sollten. Dies ermöglichte den Betrieb mit einem oder zwei Dieselmotoren, bei Bedarf mit zusätzlicher Unterstützung aus der Batterie, aber auch den Betrieb ausschließlich mit der in der Batterie gespeicherten Energie. Das Laden der Batterie sollte durch die Dieselmotoren in geeigneten Lastphasen oder durch Rückgewinnung von Bremsenergie erfolgen. Die verwendeten Dieselmotorwen wurden von MAn geliefert, als Batterien wurden Lithiumtitanat-Akkumulatoren mit einem Energiegehalt von 120 kWh verwendet. Als Fahrmotoren wurden Drehstromsynchronmotoren vorgesehen, die in Japan vielfach verwendet werden und von denen man sich einen besseren Wirkkungsgrad im Vergleich zu den bei deutschen Lokbauern gebräuchlichen Asynchronmotoren versprach.

Als Erstkunde für die HDB 800 konnte die DB Cargo AG gewonnen werden. Diese wollte 50 Lokomotiven direkt beschaffen, weitere 50 sollten durch das Leasingunternehmen Railpool gekauft und langfristig an DB vermietet werden. Für die Produktion dieser Lokomotiven wurde ein geeigneter Fertigungsstandort benötigt. Dem folgte eine längere Diskussion über mögliche Standorte, die zum Teil öffentlich ausgetragen wurde. In der auf die Standorte Kiel und Rostock zugespitzten Debatte machte schließlich Rostock das Rennen. Dort sollte die Serienproduktion im dazu auszubauenden Werk von DB Cargo im Seehafen erfolgen. Der Bau der vorab für die Erprobung und Zulassung notwendigen Prototypen wurde bei Talbot Services GmbH in Aachen beauftragt.

Um zur Vermarktung der HDB 800 schon vor Fertigstellung der ersten Loks etwas Anschauliches zur Verfügung zu haben, wurde ein Demonstrator gebaut. Dabei wurde auf den Rahmen und die Drehgestelle des Schalke-Prototyps SDE 1800 zurückgegriffen. Die 2011 fertiggestellte Lokomotive scheiterte damals an der Zulassung. Nachdem diese Lok in Einzelteilen nach Kiel transportiert worden war, erfolgte der Umbau in Kiel Süd in der einst von Eurotrac erbauten Werkstatt. Dieser Prototyp der Hybrid-Speicher-Lokomotive wurde zusätzlich mit einem Pantographen ausgestattet, der die weitere Möglichkeit des Energiebezugs aus der Oberleitung verdeutlichen sollte. Dieser Demonstrator wurde auf der „Transport Logistic“ in München im Jahr 2019 präsentiert, aber das blieb auch sein einziger öffentlicher Auftritt. Seither steht er in Kiel abgestellt.
Schalke (ohne Nr.) 2011 SDE 1800 Bo'Bo'-de Toshiba Foto(s) vorhanden      
Grau hinterlegte Fahrzeuge befinden sich nicht mehr im Bestand.

Vorserien-Produktion
Bei der Realisierung des Projekts kam es zu erheblichen Verzögerungen und schon bald zeigte sich, dass die geplante Fertigstellung der ersten Loks im Jahr 2021 nicht realisierbar war. Schließlich begann im Jahr 2023 die Fertigung einer Serie von 10 Prototypen bei Talbot Services GmbH in Aachen. Am 28.10.2024 vermeldete Toshiba, dass die ersten beiden Vorserienloks aus der Produktion bei Talbot Services in Aachen zu Alstom nach Hennigsdorf verschickt wurden, um dort im Rahmen des Genehmigungsverfahrens Typprüfungen zu durchlaufen. Diese beiden im NVR als Baureihe 1018 geführten Lokomotiven waren am 13.09.2025 bei einem Tag der offenen Tür im Alstom-Werk vorhanden; eine Maschine konnte besichtigt werden. Der dritte Prototyp wurde im Laufe des Jahres 2025 in Aachen fertiggestellt. Er stand am 09.11.2025 bei Talbot im Werksgelände.

Im Oktober 2024 wurde bekannt, dass Toshiba und die DB Cargo AG sich verständigt hatten, die Serienmontage nicht in Rostock aufzubauen und durchzuführen. Stattdessen sollten nun alle bestellten Loks in Aachen gebaut werden.
Toshiba 1001000001 2024 HDB 800 Bo'Bo'-ae (DB Cargo) "90 80 1018 001-0 D-"        
Toshiba 1001000002 2024 HDB 800 Bo'Bo'-ae (DB Cargo) "90 80 1018 002-8 D-"        
Toshiba 1001000003 2025 HDB 800 Bo'Bo'-ae (DB Cargo) "90 80 1018 003-6 D -"        
Grau hinterlegte Fahrzeuge befinden sich nicht mehr im Bestand.

Einstellung des Projektes
RailBusiness berichtet im Oktober 2025, dass die Entwicklung Der HDB 800 durch Toshiba abgebrochen worden ist. Das Projekt sei im September 2025 „einvernehmlich“ zwischen den Projektpartnern beendet worden, so Toshiba und DB Cargo. Toshiba gab an, dass dies „aufgrund der veränderten Marktsituation und der sich ständig ändernden Rahmenbedingungen auf dem europäischen Eisenbahnmarkt“ erfolgt sei. Die DB nannte ein „weiterhin schwieriges Zulassungsumfeld im europäischen Eisenbahnmarkt“.

Neben diesen offiziellen Begründungen kann über Hintergründe nur spekuliert werden. Zum Zeitpunkt ihrer Ankündigung waren die HDB 800 und daraus ableitbare Varianten ein innovatives und den Wettbewerbern vorauseilendes Projekt. Inzwischen haben aber auch andere Lokomotivhersteller ähnliche Konzepte im Angebot, z. B. Vossloh mit der Modula oder Gmeinder mit der DE 75 BB. Nicht zuletzt durch die großen Verzögerungen bei der Entwicklung wurde Toshiba von diesen Projekten ein- oder gar überholt, was die weiteren Marktchancen sicher nicht begünstigt hätte. Und dabei hat nicht zuletzt der Erstkunde DB Cargo auch eine Serie der Modula bestellt. Ein anderer Aspekt ist, dass dieser Erstkunde DB Cargo AG im Laufe des Projekts immer mehr in wirtschaftliche Schieflage geraten ist.

Das Unternehmen Toshiba Railway Europe GmbH soll als Folge dieser Entscheidung aufgelöst werden. Unklar ist noch, was mit den bereits gefertigten Lokomotiven geschehen wird.

© Copyright 2004-2025 by loks-aus-kiel.de